
Das Buch fordert die sofortige Reorganisation der Rüstungsbeschaffung. Die Armasuisse muss per Gesetz aus dem VBS herausgelöst und — nach dem Vorbild des Nuklearsicherheitsinspektorats ENSI — als öffentlich-rechtliche Anstalt im dritten Kreis der Bundesverwaltung verankert werden, fachlich nicht weisungsgebunden, politisch dem Parlament rechenschaftspflichtig.
Der Fall Mirage 1964, der Pannenpanzer 68, die Drohnen-Odyssee von Ranger über ADS 95 bis ADS 15, das Führungsinformationssystem FIS Heer mit einem Verlust von rund 700 Millionen Franken, das Gripen-Debakel von 2014 und die F-35-Festpreis-Affäre von 2022 bis 2025 zeigen dasselbe strukturelle Muster: Eine Beschaffungsbehörde, die dem Besteller organisatorisch unterstellt ist, kann weder unabhängig evaluieren noch kritisch hinterfragen noch auf Augenhöhe mit dem Lieferanten verhandeln.
«Die Schweiz kann sich nicht autonom verteidigen.» Der Satz stammt nicht von einem Oppositionspolitiker, sondern vom früheren Chef der Armee. Der Verteidigungsminister sagt dasselbe. Der Nachrichtendienst schreibt es in seinen Lagebericht: 15 Brennpunkte gleichzeitig — eine solche Bedrohungsdichte hatten wir noch nie.
Beni Gafner, Bundeshaus-Journalist, und Beat Meier, Unternehmer und Autor, legen mit diesem Buch die Fortsetzung von Gafners Buch «Armee am Abgrund» aus dem Jahr 2007 vor. Die damaligen vier Thesen — Aufwuchs als Illusion, systematische Budgeterosion, Wunschdenken beim Bedrohungsbild, Schönwetterkonstrukt — sind Punkt für Punkt eingetroffen. Und heute steht die Sache genau dort, wo sie damals prognostiziert wurde.
Neutralität hat nur dann Wert, wenn man sie verteidigen kann. Wer ausschliesslich auf Bündnisse und Lieferverträge setzt, ist das schwächste Glied einer Kette, deren andere Glieder stärker sind — das hat die Patriot-Krise 2025 und das F-35-Debakel 2025 gezeigt. Die Schweiz hat im Gegenteil ein Aktivum, das NATO-Mitglieder nicht haben: Sie kann frei auf allen Märkten einkaufen. Sie kann chinesische Laser, taiwanesische Präzisionselektronik, japanische Munition, koreanische Panzer, deutsche Luftabwehr und israelische Sensorik kombinieren, ohne einen Vertrag zu brechen. Dieses Einzige-Beschaffungskriterien-Prinzip — Preis, Zuverlässigkeit, Funktion — ist der handfeste strategische Vorteil der Neutralität.
Dieses Buch richtet sich an Stimmberechtigte. Nicht an Fachleute — die kennen die Fakten. Nicht an Politiker — sie entscheiden auf der Grundlage der politischen Mehrheiten, die das Volk ihnen gibt. Sondern an die Bürgerinnen und Bürger, die an der Urne über den Zahlungsrahmen der Armee abstimmen, über die Mehrwertsteuererhöhung von 0,8 Prozentpunkten, die für 2027 in Vorbereitung ist, über die Neutralitäts-Initiative, die parallel läuft, und über die vielen kleineren Fragen, die zusammen den Unterschied zwischen einem Land, das sich selbst schützen kann, und einem Land, das dies nicht kann, ausmachen.
Das Buch versucht, die Grundlagen für diese Entscheidung zu liefern. Es tut dies in sieben Teilen. Teil I beschreibt die Lage — die Bedrohungen, die Nachbarn, die eigene Position. Teil II formuliert die strategischen Grundlagen — die Rolle der Neutralität, den Auftrag, die Prinzipien. Teil III beschreibt den Phasenplan — von den Sofortmassnahmen bis zur technologischen Zukunft der nächsten zehn Jahre. Teil IV geht auf den Nachrichtendienst, die Cyber-Defense und die Frühwarnung ein. Teil V behandelt die Infrastruktur und den Zivilschutz. Teil VI beschäftigt sich mit der Finanzierung und der industriellen Basis. Teil VII bringt den Bogen zurück zur politischen Umsetzung. Jedes Kapitel enthält konkrete Forderungen. Jede Forderung ist mit Zahlen hinterlegt. Jede Zahl stammt aus einer belegten Quelle.
Am 20. März 2026 beschloss der Bundesrat in Bern die Armeebotschaft 2026. Das Paket umfasst Verpflichtungskredite über rund 3,4 Milliarden Franken. Der bemerkenswerteste Posten ist nicht das, was darin steht, sondern das, was darin fehlt: Statt der ursprünglich bewilligten 36 Kampfflugzeuge des Typs F-35A sollen nun nur noch 30 beschafft werden — weil der angeblich verbindliche Festpreis, auf den sich Bundesrätin Viola Amherd im September 2022 vor dem Nationalrat festgelegt hatte, keiner war. Für dieselbe Summe gibt es weniger Flugzeuge. Im selben Paket steht eine Milliarde Franken für das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM, weil das Patriot-System, das die Schweiz schon 2022 bestellt hatte, auf unbestimmte Zeit nicht geliefert wird. 650 Millionen Franken sind bereits angezahlt. Lieferung: offen. Druckmittel: keines.
Ich las die Meldungen an einem Freitagmorgen im März, im Zug zwischen Olten und Zürich. Ich legte die Zeitung auf den Tisch und schaute hinaus auf eine noch kahle Frühlingslandschaft. Nicht weil mich die Nachricht überraschte. Sondern weil sie mich nicht überraschte. Ich hatte dieses Buch schon einmal geschrieben, vor bald zwei Jahrzehnten. Damals, im Jahr 2007, lautete der Titel jener Schrift sinngemäss, dass der Zug auf den Prellbock zufahre.
Dieses Buch ist die Fortsetzung. Es ist der zweite Versuch, eine Debatte auszulösen, die in der ersten Runde nicht stattgefunden hat. Es schreibt sich leichter, weil niemand mehr bestreiten kann, was 2007 noch bestritten wurde: dass die Schweizer Armee ihre Verteidigungsfähigkeit verloren hat. Es schreibt sich schwerer, weil das Bestreiten der Lage 2007 noch eine politische Option war — heute ist es das nicht mehr, und trotzdem verhält sich die Politik in weiten Teilen so, als sei Zeit noch reichlich vorhanden.
Am 24. Februar 2022 marschierten russische Truppen in die Ukraine ein. Der erste Tag dieses Krieges war der Tag, an dem Europa begriff, dass die geopolitische Pause, die nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 begonnen hatte, zu Ende ist. In der Schweiz dauerte das Begreifen etwas länger.
Europa hat reagiert. Am 4. März 2025 legte die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Plan «ReArm Europe» vor, später in «Readiness 2030» umbenannt. Gesamtvolumen: bis zu 800 Milliarden Euro. Zwei Wochen später, am 18. März 2025, beschloss der Deutsche Bundestag mit den Stimmen von Union, SPD und Grünen eine Grundgesetzänderung, die kreditfinanzierte Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz ausserhalb der Schuldenbremse ermöglicht. Der deutsche Verteidigungshaushalt 2025 lag bei rund 86,5 Milliarden Euro, jener für 2026 bei 108,2 Milliarden Euro. Das ist innerhalb eines einzigen Jahres eine Steigerung um 25 Prozent.
Und die Schweiz? Sie diskutiert 2026 noch über den Pfad zu einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2032. Ein Land mitten in Europa, dessen Nachbarn ihre Verteidigungshaushalte verdoppeln, diskutiert darüber, ob es in sechs Jahren ein Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für die eigene Armee ausgeben soll.
Die Lehre des Jahres 1940 lässt sich in einem einfachen Satz fassen: Nur wer glaubwürdig verteidigungsfähig ist, wird nicht angegriffen. Der Satz klingt brutal, weil er brutal ist. Er ist zugleich die Grundlage jeder vernünftigen Sicherheitspolitik kleiner Staaten in einer multipolaren Welt.
Was Neutralität allerdings voraussetzt, ist Verteidigungsfähigkeit. Neutralität ohne Armee ist eine Etikette ohne Inhalt. Deshalb lautet der Massstab nicht: «Wie viel Militär verträgt die Neutralität?», sondern: «Was braucht die Neutralität, um nicht zur Farce zu werden?» Diese Frage ist gestellt, seit Thomas Süssli sie in die einfache Formel gebracht hat: «Neutralität hat nur dann Wert, wenn man sie verteidigen kann.»